Lebenslauf

NameHans Obrecht
LebensdatenGeboren 30.4.1908 Wangen an der Aare, † 13.12.1991 Pieterlen
StaatszugehörigkeitCH
BürgerortWangen an der Aare (BE), Wangenried (BE)
KunstrichtungMaler und Zeichner. Figurenbild, Stadtlandschaft, Selbstbildnis und Stillleben
TätigkeitsbereicheMischtechnik, Zeichnung, Malerei 

Hans Obrechts Vater war angesehener Textilfabrikant in Wangen an der Aare. Er schickte Hans, das zweitälteste von vier Kindern, ins Gymnasium, dann ins Lyceum Zuoz und anschliessend an eine Handelsschule in Lausanne. 19-jährig, nachdem ein positives Gutachten Paul Finks, des damaligen Konservators des Kunstmuseums Winterthur, den Vater vom Talent seines Sohnes überzeugt hatte, wurde Hans Obrecht Privatschüler von Ernst Georg Rüegg in Zürich. Hier öffnete sich ihm jene weite, andere Welt, von der er geträumt hatte. Als Rüegg zu unterrichten aufhörte, zog Hans Obrecht nach Karlsruhe zu Ernst Würtenberger. 1930 übersiedelte er nach Paris, wo er sich an der Académie Julian einschrieb. Dort lernte er den vier Jahre jüngeren Luzerner Alfred Bernegger kennen, dessen Bilder und Lebensphilosophie ihm halfen, die akademischen Fesseln zu sprengen. Am 7. Dezember 1934 reiste er nach Amsterdam, das seine eigentliche Heimat werden sollte. Dieser Tag prägte sein ganzes weiteres Leben. Er lernte die zwanzig Jahre ältere niederländische Montessori-Lehrerin und Malerin Miep kennen. Diese eheliche Verbindung hielt 40 Jahre, bis zu Mieps Tod. Kurz vor dem Zweiten Weltkrieg eröffneten sie gemeinsam eine Leihbibliothek, die zu einem wichtigen Kontaktzentrum der Widerstandsbewegung wurde. In den 1950er-Jahren kauften sie sich das kleine Hotel Amstelrust an der Amstel, das sie zu zweit führten. 

Der Wunsch, frei zu sein, frei zu bleiben, sein Werk in grösster Freiheit schaffen zu können, führte dazu, dass Obrecht weder am holländischen noch am schweizerischen Kunstleben aktiv teilnehmen wollte. Willem Sandberg – Obrecht hatte ihn in der Widerstandsbewegung kennen gelernt –, damals Leiter des Stedeljik Museums in Amsterdam, ermöglichte ihm 1963 eine erste wichtige Ausstellung. Nach 1980 begann man Obrechts Werk auch in der Schweiz zur Kenntnis zu nehmen. 1993 Gründung der Hans Obrecht-Stiftung. 

Obrechts Hauptwerk entstand in den 1950er–1970er-Jahren, es ist gleichzeitig sein Spätwerk. Stillleben und Landschaft verschwanden fast völlig aus seinem Themenkreis. Tagsüber war er in seinem kleinen Hotel Direktor und Laufbursche in einem, des Nachts arbeitete er an seiner «Comédie humaine». Diese beiden Rollen, die er strikte zu trennen wusste, gefielen ihm. Hätte man dort, wo er sich tags bewegte, gewusst, dass er Künstler sei, dann hätte man sich ihm gegenüber in Pose gesetzt, so aber habe er das Leben unverfälscht wahrnehmen können, erklärte Hans Obrecht. Nach 1978 malte und zeichnete er nur noch gelegentlich. 

Hans Obrecht hatte die einfachen Menschen ganz besonders ins Herz geschlossen: Proletarier, Hippies, ja sogar die kleinen Gesetzesbrecher. Mit diesen Randständigen vermochte er sich ganz besonders zu identifizieren. Kritischer, bissiger behandelte er die so genannten «Stützen der Gesellschaft». Nicht im Drogenmilieu, nicht bei den «Blumenkindern» entdeckte er das Elend, sondern bei den wohlgenährten, in jeder Beziehung gut gepolsterten Selbstzufriedenen. 

Von den Selbstbildnissen abgesehen sind so gut wie alle Figuren seiner «menschlichen Komödie» aus der Erinnerung gestaltet worden. In den Stunden vor dem späten Schlaf schuf er selbst die grossformatigen Werke meist in einem Guss, mit schnellen Kreide- und Pinselstrichen. Die seinen Absichten adäquateste Technik war eine Mischform von Zeichnung und Gouachemalerei. Mit Vorliebe arbeitete er auf schwarzem Verdunkelungspapier aus der Kriegszeit, das er bei Entrümpelungsaktionen vor den Amsterdamer Häusern zusammensammelte. Als «secret block» geschaffen, ist sein Spätwerk ein unverwechselbares Protokoll der eigenen Befindlichkeit, aber auch des Amsterdamer Lebens. 

Quelle: Peter Killer: Obrecht, Hans (2007), in: SIKART Lexikon zur Kunst in der Schweiz, http://www.sikart.ch/KuenstlerInnen.aspx?id=4000965, Zugriff vom 1.02.2016.

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