Gedanken zur Kunst

Beim Aufräumen gefundene Notiz aus den Dreissigerjahren: August 1983

Oft notiere ich einen flüchtigen Gedanken auf einem willkürlichen Abfallfetzen, - um ihn bei Gelegenheit wieder aufzugreifen und weiter zu prüfen.

Warum notiere ich ihn nicht in ein „Tagebuch“ wie damals in den ersten Karlsruhtagen?
Weil sie säuberlich in einem Heft aussehen wie starre Dogmas und eher den Fluss der Eingebung hemmen statt anregen. 

Schon darin liegt auch der psychologische Grund, warum ich die meisten Skizzen auf zufälliges, minderwertiges Papier kritzle, - anstatt auf ein sauberes Zeichenblatt: ich will damit nicht etwas von mir zeigen,  - ich hasche lediglich nach einer flüchtigen Eingebung, für mich.
Ich will probieren, ob ich einige dieser undefinierten Gedanken aufgreifen kann um sie Dir zu zeigen: 

  • Brauch weniger Oelfarbe zum Malen und mehr Humor.
  • Es gibt kein „edles“ Streben, allein Mut zu Aufrichtigkeit.
  • Oelfarbe und Leinwand sind keineswegs „künstlerischer“ als irgendwelches Material. Jedes Material und jede erdenkliche Technik ist gut, solang Mittel zum Zweck; - dagegen führt die herrlichste Technik zu künstlerischem Tod, - sobald sie Selbstzweck wird.
  • Je einfacher die Mittel, je unmittelbarer die Methode, desto besser.
  • Besser ein vitale Geschmacklosigkeit, als ewig impotentes „Geschmäcklein“.
  • Wer in sich zu lauschen vermag, entdeckt ein unendliches Spiel von Paradoxen.
  • Kunst ist oft durch die Natur angeregte Nachbildung aber nie Natur. Selbst der scheinbar sklavenhafteste, geduldigste Naturalismus ist „Abstraktion“.
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